Das kritische Leseecho, die Rezensionen sind wichtige Begleiter eines Buches auf dem Markt. Hier sind sie zusammengefügt, die im Einzelnen auf den Marktplätzen verstreut bleiben. Wer möchte, kann hier ebenfalls seine Leseerfahrungen mit dem Roman einfügen. Kontaktieren Sie mich dafür bitte über E-Mail.

Rezesionen

Von Anita Lang

Aufgeschreckt durch einen toten Vogel vor seiner Tür, kommt M ins Trudeln. Ein Macho, der die Sekretärin mit Schatz anredet, wofür schon Spitzenpolitiker aufgeklopft wurden. Heimlich schleicht er in den esoterischen Bereich und belustigt den Leser durch seine Angst vor schlechter Publicity.

Leichtfüssig karikiert Ulrich Pätzold seine Figur. Wir sehen den Bundestag von innen, mitsamt der Fadesse des Berufsalltags. M unterschreibt mit Würde und baut seine Überzeugungen aus. Nichtigkeiten werden aufgebauscht. Abenteuerliche Kombinationen des M führen zu noch mehr Gedankenakrobatik. Dann platzt jäh eine Unglücksmeldung  in den Sitzungsalltag. „Sonnenfinsternis“ verspricht spannende Lektüre, die zum Nachdenken anregt.

Von Nikolaus Pätzold

Zunächst: Die Namensgleichheit von Autor und Rezensent ist kein Zufall. Ich bin der Neffe des Autors. Ich habe das Privileg gehabt, dem hier rezensierten Roman in seiner Entstehung zusehen zu dürfen. Ich bin außerdem Studienrat, mithin professionell vorgeschädigt.  Außerdem neige ich politisch zu konservativen Sichtweisen. Alle drei Aspekte prägen meinen Blick auf den Roman und mögen im Folgenden mitbedacht werden.

Warum sollte ich diesen Roman lesen wollen?

Wegen seiner Hauptfigur! Wegen des Settings! Wegen des Schlusses! Wer in dieser Rezension sofort dorthin will, muss bis an den Schluss meiner Rezension vorspulen. Wer allerdings bereit ist, mir geduldig zu folgen, dem werde ich zunächst mit etwas Anlauf erklären, warum ich von  „Sonnenfinsternis“ so angetan bin.

Höre ich unsere Oberstufenschüler, wie sie sich über ihre Lieblingsserien austauschen, dann sind „Spoiler-Alerts“ an der Tagesordnung, und wer da nicht blitzschnell mitdenkt, wird abgewatscht. Das ist meine Präambel für diese Rezension: Ich werde mit keiner Silbe sagen, wo die Reise im Roman hingeht. Das möge ein jeder für sich selbst herausfinden. Meiner Meinung nach ist der Roman sowieso so angelegt, dass es für jeden Leser ein anderes Reiseziel geben kann. Warum ich das so sehe, werde ich weiter unten erklären.

Worum geht es?

Der Leser folgt der Hauptfigur „M“. M ist direkt gewähltes Mitglied des Bundestages. Obwohl Parteinamen vermieden werden, ist er leicht der CDU zuzuordnen. Der Protagonist ist wahrlich kein Sympathieträger, was jedoch deutlich nicht seinem Parteibuch zuzuschreiben ist. Er rempelt und schlängelt sich durch das Jahr 2015 und seinen politischen Alltag, der mehr und mehr durch die sich abzeichnende Flüchtlingskatastrophe beherrscht wird. Er begegnet im Jacob-Kaiser-Haus seiner Sekretärin und seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin, im Bundestag Fraktionskollegen und dem Bundestagspräsidenten, auf Auslandsreise parlamentarischen Gesprächspartnern und Dolmetschern, er begegnet erwartbar vielen Menschen in den verschiedensten Positionen.

Und er begegnet seiner Wahrsagerin. M ist in dieser Hinsicht kompromisslos irrational, für den Leser zwar zugleich lesbar wie ein Buch, aber auch unheimlich undurchschaubar: So wollen wir unsere Abgeordneten nicht! M ist eine Figur, die nach den Sternen greift – für ihn ist das das Spiel der Macht – die aber zugleich einen sehr bedauerlichen Mangel an Einfühlungsvermögen aufweist.

Ms Geburtsfehler sind Teil des Szenarios. In Episoden wird eine Biographie erzählt, die zunächst ohne Eltern auskommen muss, aber völlig nachvollziehbar in die Sphären lokaler Politik führt. Der aufgenommene Schwung hält nicht bei erkämpften Erfolgen, momentanen Mehrheiten oder dem triumphalen Überschwang des Augenblicks inne. Der Roman führt direkten Weges zurück zur Persönlichkeit des MdB M. Meiner Meinung nach liegt hier eine besondere Stärke.

Der Leser muss zum gegenwärtigen Zeitpunkt (Jan..2021) eine Kröte schlucken: Das Manuskript ist noch nicht geglättet – es begegnet dem Leser so, wie der Autor es vor einer Nachkorrektur erstellt hat. Gewisse Tippfehler kann man dabei überlesen. Gelegentliche Schwankungen im Tempus erfordern dabei den wachen Leser: Erzählt wird prinzipiell im Präsens – das gelegentliche Hin und Her wirkt wie ein Oszillieren zwischen der konventionellen Erzählzeit Präteritum und dem unmittelbaren, im Roman vorherrschenden Präsens. Nicht immer leicht zu nehmen. Professionelle Vorschädigung meinerseits.

Warum sollte ich das lesen wollen?

Was kann ich über meine Lektüre des Romans weitersagen?  Und, mehr noch, was kann ich an abwägende, schwankende, vielleicht  zweifelnde angehende Leser weitersagen? Einfach: Dass ich gekämpft habe und belohnt worden bin. Wegen der Hauptfigur. Wegen des Settings. Wegen des Schlusses. Es lohnt sich.

M ist, wie oben bereits gesagt, kein Sympathieträger. Er ist allerdings auch kein Schurke! Der Autor gibt sich keine Mühe, ihn dem Leser ins Herz zu schummeln. Stattdessen wird M als eine Figur aufgebaut, die, mit mittelprächtigen Mitteln ausgestattet, sich weit hinauswagt.

Mein Leseerlebnis hat sich zu jeder Zeit daran messen müssen, dass ich, so lang ich zurückschauen kann, viel häufiger mit klar „guten“ Protagonisten zu tun hatte. Im Falle von Antihelden (etwa als Kind bei Long John Silver in der „Schatzinsel“ oder als Lehrer in „The Great Gatsby“ – Zentralabitur 2016) musste ich jeweils eine Anpassung vornehmen, konnte ich mich nie „einfach so“ mit dem Protagonisten identifizieren. Stattdessen musste ich mich mit meinen Lesegewohnheiten auseinandersetzen. Und das ist für mich eine weitere zentrale Stärke des Romans „Sonnenfinsternis“ – ich werde zwar auf extrem informierte Weise in das Jahr 2015 mitgenommen und erhalte so Gelegenheit, mich mit der Nachrichtenlage der Zeit noch einmal auseinanderzusetzen. Aber M bringt mich zugleich an viel persönlichere Orte und fragt mich, mit wem ich mich identifizieren möchte. Um hier alle Missverständnisse auszuschließen: Ich mag M nicht. Ich identifiziere mich dennoch mit ihm. Viel Spaß dabei, diesen Konflikt auszuhalten.

Das Setting sei hier außerdem erwähnt, da es mir Eindruck gemacht hat. Im weitesten Sinne ist das Setting die Gegenwahrt des Jahres 2015. Für mich ist der Bundestag jenseits von Führungen ein ebenso exotischer Ort wie der südliche Peloponnes, ein Ziel der Griechenlandreise Ms. Die Behandlung des Settings überzeugt jedoch nicht nur wegen seiner Wiedererkennbarkeit, sofern der Leser 2015 gelegentlich Fernsehnachrichten gesehen hat. Es überzeugt vor allem deswegen, weil es den Leser – ganz buchstäblich – auf eine Reise mitnimmt. Zuerst das vergleichsweise kleine parlamentarische Biotop. Dann die Reise nach Griechenland. Das Setting wird dermaßen klar präsentiert, dass man es lebendig vor Augen hat. Das Gleiche gilt für historische Parlamentssitzungen: In die im Roman beschriebene Zeit fällt der erweiterte Suizid des German-Wings-Kopiloten bei Flug 9525 in den französischen Alpen. Für mich eine in mehrfacher Hinsicht beeindruckende Schilderung der Situation im Bundestag, insofern sie nicht nur eine kollektive Reaktion im Bundestag darstellt, sondern auch den Protagonisten M auf sie reagieren lässt und ihn so ausschärft. Zugleich muss ich mich hier selbst fragen, wie weit ich den geschilderten Eindrücken Ms trauen darf, und was das über ihn sagt. Oder über mich.

Das ist für mich eine weitere zentrale Situation im Roman; M ist trotz seiner Empathielosigkeit kein Monster. Was und wie er nachvollziehbar fühlt, ist mir, dem Leser, viel näher, als ich in schwachen Momenten bereit bin zuzugeben.

Abschließend noch einmal die vielleicht entscheidende Frage: Warum sollte ich „Sonnenfinsternis“ lesen wollen? Wegen des Schlusses. Nein, wir folgen hier keinem Thriller und keinem Kolportageroman. Der Schluss ist ganz einfach – konsequent.

Wann durfte zuletzt ein gescheiterter Antiheld in seine ganz persönlichen Sonnenfinsternis reiten?

 

Von Lisa Brüggemann

Was man nicht weiß, versteht man auch nicht. Das gilt auch für das heiße Thema, wie Macht in der Politik mit Eigenschaften einer Persönlichkeit verbunden ist. Der Roman versucht eine Antwort, die in Teilen tief in die Psyche reicht und am Beispiel der erfundenen Figur M als Abgeordneter des Deutschen Bundestags Einflusslinien der Astrologie bis ins Tagesgeschäft der Politik verfolgt.

Den Zeitrahmen setzen die Monate März bis Mai 2015. Einige der damals erregenden Themen wie Terrorismus, Flüchtlinge und Rechtsextremismus werden nicht nur aus der Perspektive des Protagonisten M gespiegelt, der mit seinen Wahrnehmungen und Aktionen schließlich als Politiker scheitert. Sie werden auch mit Informations- und Diskursblöcken bereichert, die dem Lesen Einiges an Konzentration abverlangen, weil sie anregen sollen,  Vernunft im Politischen zu finden.

So entsteht gleichsam eine Gegenwelt zum Politiker M, das Nachdenken über Macht als Voraussetzung, ihr nicht zu unterliegen. Politische Prozesse werden mit teilweise akribischen Recherchen nachgezeichnet. Aber es werden in starken Bildern auch Landschaften des emotionalen Lebens von M ausgemalt, zum Beispiel auf der Reise durch Griechenland oder seine Gemütsverfassung nach einer missratenen Versammlung in seinem Wahlkreis.

Die Verstrickungen in der Lebensgeschichte von M erzeugen ein Auf und Ab der Spannungen  und kumulieren in der Mitte und am Ende in Szenen, die jenseits zu erwartender Darstellungen. In der Mitte des Buches begleiten wir M auf die NS-Ordensburg Vogelsang, auf der M nach den Wurzeln seiner Herkunft sucht. Am Ende des Roman führt seine Wahrsagerin ihn in eine mit Drogen unterstützte Session, in die Loslösung von seiner persönlichen Sonnenfinsternis, aus der M frei von politischen Ambitionen seine Straße zieht, auf einen Weg, von dem wir nicht wissen, wohin er führt.

Der Roman ist locker und abwechslungsreich geschrieben, wenngleich nicht immer leicht zu lesen. Am Ende verstehen wir das Politische besser als vorher, weil wir mehr wissen und lernen, worauf wir achten können.

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